Konzept zum fotopädagogischen Projekt:
„Durch meine Augen“

Dokumentation – Kommunikation – Reflexion – Konfrontation
(Stand April 2016)

 

  1. Einleitung

„Ein Bild gibt uns das Gefühl, die ganze Welt in den Händen zu halten. Fotos sind Dokumente des Augenblicks, des Lebens, der Geschichte. Die Fotografie verwandelt die Welt in ein ewig fortbestehendes Angebot, aus der Wirklichkeit in das Reich der Fantasie, aus dem Schmerz in die Freude zu fliehen – durch das Fenster der Seele, das Auge.“ – Mario Cohen

In den letzten Jahren des 20. und seit Beginn des 21. Jahrhunderts gewannen Medien immer mehr Einfluss in der Gesellschaft. Sie sind fast überall im Leben der Menschen präsent. Speziell Kinder und Jugendliche wachsen mit Fernsehen, Internet und anderen digitalen Medien auf und nutzen diese um ihr Leben zu dokumentieren und sich anderen mitzuteilen. Auch in der Sozialen Arbeit, besonders in ihren pädagogischen Anteilen steigt die Bedeutung der Medien, denn an den Grenzen der verbalen Kommunikation per Sprache, können verschiedene Medien Grenzen überwinden und einen Austausch ermöglichen.

Ein Foto ist eine Abbildung / ein Ausschnitt der subjektiven Wirklichkeit des Fotografen.
Es hat die Möglichkeit die Wirklichkeit genauer darzustellen. Das Auge kann schwer verschiedene Objekte und Situationen scharf stellen, aber das Foto und somit auch der Fotografierende können zu einem genaueren Hinsehen ermutigen.
Dies führt zu einer Verständigung durch Bilder, Symbole und Darstellungen, außerhalb von Sprache.
In unserer Gesellschaft gibt es immer noch Situationen, Lebensumstände und Gruppierungen die nicht für Jedermann greifbar sind. Da in diesen speziellen Gegebenheiten oftmals wenig bis kein Austausch stattfindet, können schnell Vorurteile, Ängste und Missstände entstehen.
Ich, Maria Tischer,  möchte mit meinem Fotoprojekt „Durch meine Augen“ zu Kommunikation, Konfrontation und Reflexion in verschiedenen Gesellschaften anregen.
Mir ist es ein Anliegen durch Fotografie, gegebene Probleme zu verringern und darauf aufmerksam zu machen.

 

  1. Inhalt / Ziel / Zweck

Der Titel „Durch meine Augen“ bezieht sich darauf, dass die teilnehmenden Protagonisten und Gruppen des Projektes durch Fotografie ihren Alltag SELBST dokumentieren.
Die Bilder fangen die subjektive Realität und auch Normalität des Alltags ein.  Sie stellen Situationen, Ängste, Abläufe, Rituale, Begegnungen und Träume dar. Dies soll völlig ungefiltert eingefangen und öffentlich gezeigt werden.
Es geht darum den Blickwinkel zu ändern. Durch mehrere Ausstellungssituationen und multimediale Präsenz (Homepage u.a.) bietet sich einer breiten Öffentlichkeit die Möglichkeit, sich selbst durch Fotos in andere Leben hineinzuversetzen und evtl. sich mit unangenehmen Themen zu konfrontieren, um verstehen zu können.

Neben der Kommunikation mit der Öffentlichkeit und dem Austausch, liegt das Hauptaugenmerk des Projektes auf den Protagonisten selbst. Es soll durch den fotopädagogischen Zugang und der Fotografie als Werkzeug, eine positive Persönlichkeitsentwicklung hervorzurufen. Wichtigste Ziele sind hierbei Selbstreflexion, soziale Interaktion und Partizipation.
Seelische Prozesse und Erinnerungen werden oftmals in Bildern gespeichert und können durch verbale Erklärungen wichtige Informationen verlieren. Auch eine verbale Blockade beim Menschen, zum Beispiel durch unterbewusste Ängste,  ein nicht ausgeprägter  Wortschatz oder eine andere Sprache bauen Grenzen auf.
Durch die Fotografie können Geschehnisse dargestellt, Situationen wiedergespiegelt, ein Austausch angeregt und somit eine Reflexion der eigenen Situation, des eigenen Selbst, ermöglicht werden.
Der Selbstausdruck ist hierbei eine zentrale Funktion, denn die Protagonisten werden angehalten sich auch mit Ihrem Umfeld visuell auseinander zu setzen, um aus der eigenen Sichtweise durch Bilder erzählen zu können. Dies stellt die Fotografierenden vor die Aufgabe ihr Umfeld näher kennenzulernen und sich ebenso mit anderen Personen auseinanderzusetzen.
Durch das Herbeiführen von diesen Situationen durch die Fotopädagogik wird das soziale Verhalten positiv trainiert und Beziehungen werden aufgebaut/oder gestärkt.

Wie schon erwähnt, liegt die Förderung von Partizipation und Schaffung von Öffentlichkeit ebenso im Fokus der Zielsetzung meines fotopädagogischen Projektes. Dies wird erreicht indem die Protagonisten sich mit Ihren Bildern selbst zu bestimmten Themen positionieren können.
Es soll auf eigene Interessen und Anliegen aufmerksam gemacht werden. Durch die Ausstellungssituation wird diese Positionierung auch öffentlich stattfinden können, sodass durch eigene Handhabe, eine Stärkung des Selbstbewusstseins entsteht und Selbstwirksamkeitserfahrungen in Gang gebracht werden.

 

  1. Abläufe und Inhalte
  • Wer fotografiert?

Das Projekt wird in mehrere kleine Gruppen (Unterprojekte) aufgeteilt. Die Gruppen bestehen aus 8-12 Menschen verschiedenen Alters, Geschlecht und kulturellem Einfluss.
Die Gemeinsamkeit einer jeweiligen Gruppe besteht aus bestimmten Lebensumständen, die geteilt werden.
Angedacht sind Gruppierungen, welche durch verschiedenste Sprachbarrieren andere Wege der Kommunikation nutzen möchten / müssen, um mit der Öffentlichkeit in Verbindung zu treten und / oder die durch dieses Projekt auf ihre jeweilige Lebenssituation aufmerksam machen möchten, sodass eine Aufklärung, Akzeptanz und Toleranz untereinander und gegenüber der Einzigartigkeit eines jeden Menschen entsteht.

Die ersten Projekte werde ich mit Flüchtlingen aus verschiedenen Einrichtungen und Bundesländern durchführen. Diese werden mit gestellten Kameras selbst ihre Lebensumstände dokumentieren.
Der Zeitraum für diese Dokumentation ist beschränkt auf 3 bis 5 Tage.
In dieser Zeit werde ich die Probanden selbst mit meiner Kamera begleiten und das Geschehen unabhängig dokumentieren. Dies geschieht mit einem gewissen Abstand und nicht die Gesamte Dauer des Projektes, um pädagogische Prozesse nicht zu unterbrechen.
Ich habe mich für eine fotografische Begleitung entschieden um die fotopädagogischen Prozesse festzuhalten. Zudem kann im Nachhinein, durch Gespräche mit den Probanden und Auswertung der Fotos (der eigenen Fotos und der Dokumentation, in der sich die Projektteilnehmer selbst beim Prozess sehen) eine erweiterte Selbstreflexion mit sich selbst und innerhalb der Gruppe stattfinden.

Ich möchte deutlich darauf hinweisen, dass ich das Thema „Flüchtlingsarbeit“ konkret im Hintergrund halte und nicht auf dieses beschränke, da es meine Intention ist, auf mehrere Gruppierungen innerhalb unserer Gesellschaft aufmerksam zu machen, welche oftmals unterschätzt, nicht verstanden oder wenig beachtet werden. Ebenso sollen verschiedenste Menschen die Möglichkeit haben, sich durch dieses Projekt auszudrücken.
Jedoch ist meines Erachtens, unter den jetzigen Umständen die Arbeit mit Migranten und Flüchtlingen dringend notwendig, weshalb ich dieses Projekt mit eben dieser Gruppe beginne.

 

  • Was ist der Gegenstand?

Jeder Teilnehmer bekommt eine Einwegkamera, mit circa 25 bis 27 Aufnahmen zur Verfügung gestellt.
Ich habe mich dazu entschlossen Einwegkameras zu nutzen, um eine Hemmschwelle durch unterschiedliche Technikverständnisse zu verringern und um die Handhabung so einfach wie möglich zu gestalten. Außerdem empfinde ich es für den fotopädagogischen Prozess als hilfreich, dass jeder Teilnehmer nur eine bestimmte Anzahl an Bildern zur Verfügung hat. Somit wird in der jeweiligen Situation bewusst innegehalten. Die Konzentration steigt und das Bild wird auch emotional „eingefangen“. Ebenso wird der Bildaufbau genau überdacht.
Es besteht nicht die Möglichkeit, die Fotos hinterher sofort anzusehen, zu löschen oder zu bearbeiten (sie werden im Nachhinein auch nicht von mir bearbeitet), so wie bei digitalen Kameras und Smartphones. Dies lässt eine gewisse Authentizität und Realität entstehen.

 

  • Was wird festgehalten?

Die Fotografierenden haben die freie Wahl, welche Objekte, Momente und/oder Personen sie fotografisch festhalten wollen.
Das Übergeordnete Thema ist „Ihr Alltag“, alles was sie selbst betrifft.  Angefangen von Dingen, die sie toll oder überhaupt nicht als toll empfinden, Situationen, die sie zeigen wollen, Ängste, Träume und Hoffnungen. Die kleinen und großen Details ihrer Lebenswelt. Dieses Thema ist gewollt so frei gewählt, sodass die Projektteilnehmer ihren Alltag im Gesamten sehen, sich visuell damit auseinandersetzen können und nicht durch Vorgaben in Gedankengängen eingeengt werden.

Durch diese Fotodokumentation können die Teilnehmer sich und ihre Umwelt besser und intensiver kennen lernen, sich anderen mitteilen und durch diese soziale Interaktion an Sicherheit gewinnen.

 

  • Was geschieht mit den Ergebnissen ?

Die Fotos werden entwickelt und ich treffe eine Vorauswahl der Bilder.
Diese werden dann zusammen mit den Projektteilnehmern besprochen, sodass jeder Proband die Möglichkeit hat, seine Geschichte zu den Fotos zu erzählen und das Projekt zu reflektieren.  Anschließend soll es zu einer öffentlichen Ausstellung kommen, in der eine gemeinsam getroffene Auswahl der entstandenen Bilder gezeigt wird.
Die entstandenen Fotos werden natürlich nur unter Einverständniserklärung der Teilnehmer veröffentlicht. Zudem werden alle Ergebnisse (ob digital oder analog) den Fotografierenden zur Verfügung gestellt.

 

  1. Öffentliches Interesse / Ausstellungssituation

Hierbei sind die wichtigsten Begriffe:
Konfrontation – Kommunikation – Reflexion

Durch die geplanten Ausstellungssituationen und die multimediale Präsenz, in denen die Ergebnisse präsentiert werden, geht es darum einen Raum zu schaffen, in dem verschiedenste Menschen aufeinander treffen.
Es soll eine akzeptierende und tolerante Atmosphäre geschaffenen werden, um mit einem ernsten Kontext bewusst zu Konfrontieren. Indem sich Außenstehende und / oder Interessierte sich die persönlichen Fotos der Projektteilnehmer ansehen, wird ein Weg geschaffen, um sich mit seinem Gegenüber zu identifizieren. Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten in allen Bereichen des Lebens werden durch die Bilder bei allen Teilnehmern der Ausstellung aufgezeigt. Man begegnet sich auf Augenhöhe.

Es geht darum Kommunikation in Gang zu setzen, sodass eine Selbst- und Fremdreflexion in Gang gesetzt werden kann. Bei den Fotografierenden, sowie bei den Besuchern der Ausstellung. Es wird die eigene subjektive Realität durch sich selbst und durch die Unterhaltung mit anderen hinterfragt, ebenso werden Sichtweisen neu interpretiert.
Dies schafft außerdem die Erzeugung von Selbstakzeptanz der Teilnehmer. Durch die Reaktionen und Auseinandersetzung mit diesem Feedback, wird durch das Training sozialer Interaktion das Selbstvertrauen erhöht und schafft somit auch stärkere Partizipation an gesellschaftlichen und politischen Prozessen.

 

  1. Auswertung

Neben den schon genannten Zielen,  möchte ich während des Projektes und nach den Ausstellungen, Umfragen und Erlebnisberichte zum Thema erstellen.
Es ist mir ein Anliegen, durch Fragebögen und verschiedene Interviews, empirische Forschungen zum Thema Fotopädagogik durchzuführen und die Ergebnisse in einer wissenschaftlichen Arbeit zu veröffentlichen.
Ich studiere im Masterstudiengang: „Kultur, Ästhetik, Medien“ an der Hochschule Düsseldorf und werde in diesem Bereich die Ergebnisse in meiner Masterarbeit einfließen lassen.
Dies geschieht alles mit dem übergeordneten Ziel der Nachhaltigkeit.

 

  1. Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit ist eines der wichtigsten Ziele der Sozialen Arbeit und der heutigen Gesellschaft. Alles ist schnelllebig und im dauerhaften Wandel.
Wie erreiche ich also eine dauerhafte positive Veränderung durch Fotografie?

Durch die, wie schon mehrmals erwähnten, pädagogischen Prozessen der Projektarbeit verändert sich das Realitätsempfinden beim Ansehen von Bildern und Fotos.
Durch regelmäßige Anwendung von diesen Projekten und/oder Ausstellungsbesuchen wird Selbstreflexion trainiert und dauerhafte Kommunikation zu bestimmten Themen angeregt.
Zudem werden Fotos zwar in kurzweiligen Momenten geschossen, aber die entstandenen Werke bleiben. Ob in der Erinnerung oder als entwickeltes Bild.
Nach einiger Zeit kann und sollten die Fotos wieder angesehen und erneut durchdacht werden (einzeln oder in der Gruppe). Hierbei werden die Reflexionsprozesse erneut aktiviert und weitere Kommunikation hervorgerufen.

Wichtig sind hierbei Fragestellungen wie:

  • Was hat sich verändert?
  • Welche Ziele wurden erreicht?
  • Sind diese erzielten Ergebnisse immer noch vorhanden?
  • Gibt es Verbesserungs- oder Änderungsvorschläge?
  • Wie hat sich mein Empfinden und Lebenswelt entwickelt?
  • Warum gibt es welche Veränderungen?

Diese Vorgänge können in regelmäßigen Abständen wiederholt werden, sodass weitere Prozesse aktiviert und erweitert werden. Außerdem kann der Entwicklungsprozess durch diese Aktivitäten aufgezeichnet, nachvollzogen und weiter genutzt werden.

Ein weiterer Effekt der Nachhaltigkeit ergibt sich durch die Ausstellungen.
Durch die öffentliche Aufmerksamkeit auf die positive Wirkung von foto- und medienpädagogischen Projekten, können diese großräumiger und häufiger genutzt werden.
Es entsteht ein Netzwerk, welches sich gegenseitig (evtl. auch durch bessere Fördergelder) unterstützen kann. Denn der Einfluss von Medien und Fotografie im Speziellem, ist in unserer heutigen Gesellschaft enorm und sollte positiv genutzt werden.
Größere fotopädagogische Projekte haben noch mehr Möglichkeiten in verschiedensten Problemlagen (ob therapeutisch oder sozialpädagogisch) weiterzuhelfen und Menschen egal welchen Alters, Geschlechts oder Hintergrund wertvolle Kompetenzen zu vermitteln.